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Zweiter Tag: Zwischen den Fugen gelesen: Menschen taten schon immer Menschendinge


Am 2. Tag unserer Reise widmeten wir uns der zypriotischen Antike. Das Program begann mit einem Besuch der Ausgrabungsstätte Kurion: Hier wurde die erste christliche Basilica Zyperns gebaut. Auf dem Weg sprach Nicole über verschiedene Aspekte des zypriotischen Alltagslebens und wie sie einander beeinflussen. So geben sich Zypriot:innen liebend gerne jeder Art von Gaumenfreuden hin. Stets begleitet von ihrer geliebten Zitrone. Deren Baum stellt zusammen mit Oliven und Orangen einen der wichtigsten Kulturbäume Zyperns. Fast jede Familie hat einen in ihrem Garten stehen und Zitronenplantagen werden sind streng bewacht. Die Zitrusfrüchte fordern allerdings bis heute ihren Tribut: zur Kultivierung der nicht einheimischen Gewächse mussten die Böden seinerzeit trockengelegt werden. Auf der anderen Seite ist Zypern von sich aus sehr trocken, verstärkt durch 

durch die Klimaerwärmung. Zwischen Mai und September gibt es kaum Regen. Umgeben von Salzwasser, musste sich die zypriotische Bevölkerung mit Staudämmen helfen, um alle mit Trinkwasser zu versorgen. Das hält jedoch nicht davon ab, die Vorzüge einer warmen Dusche zu genießen: Die meisten zyprischen Häuser haben große Wassertanks auf ihren Dächern installiert, welche sich automatisch in der Sonne aufheizen; und auch in der Stromversorgung wird die Ölverbrennung langsam durch Solare Energiegewinnung abgelöst.

Am Fuße der Ausgrabungsstätte Kurion angekommen, blickten wir auf ein weites Feld von sonnengbeleichtem Mamor: Überreste des antiken Stadtkönigreiches.

Lange unter Steinen und Schutt begraben, konnte die Kooperation von zypriotischen und österreichischen Archäologen die Fundamente der frühchristliche Basilica wieder ans Tageslicht bringen. Dazu gesellten sich noch das Mauerwerk eines Badehauses, genannt: „Haus des Eustolios“ sowie ein antikes Theater. Unser Rundgang mit Führung starteten wir an der Basilika. Hier konnten sich die Bewohner:innen Kurions erstmals christlich taufen lassen. Die noch sichtbaren Fundamente und Mauerwerke illustrieren die Weitläufigkeit der Anlage, welche sich über das gesamte Hügelplateau bis hin zum blauen Mittelmeer erstreckt. 

Für viele von uns war es das erste mal, in einer derart alten architektonischen Anlage zu stehen. Aber gerade das machte es so beeindruckend für uns. Kaum zu glauben wie viel von einem ca. Eineinhalbtausend Jahre alten Gebäude verloren geht und trotzdem erhalten bleiben kann… Für mich spieglte sich das in den Ornamenten der verbliebenen Säulen wieder. Abgetragen durch Meereswind und Landwetter, trotz einem erheblichen Detailschwund, haben sich ihre Grundformen bis heute erhalten. 

Nachdem wir Gelegenheit hatten, unsere eigenen Eindrücke zu sammeln und auszutauschen,  folgten wir dem Pfad zum Haus des Eustolios. Ursprünglich die Privatvilla eines reichen Römers, wurde das Gebäude nach dem Wiederaufbau der Stadt im 5. Jh. In ein öffentlich zugängliches Badehaus umgewandelt. Nicht nur bei den Bewohner*innen Kurions beliebt, waren es vor allem Reisende, die hier zu willkommener Ruhe finden konnten. Ebenso repräsentierten solche Häuser einen Ort, um sich außerhalb des eigenen Heims mit Freunden und Bekannten zu treffen oder gar mit Geschäftspartnern in Kontakt zu kommen. Heute würden wir so etwas wahrscheinlich als „dritten Ort“ bezeichnen; Ein Ort der weder mit der Wohnung, noch mit der Arbeit verbunden ist. Dieser Ort war wahrscheinlich ebenso frequentiert wie unsere heutigen Schwimmbäder oder Parks: Man stelle sich das Lachen der Badenden beim planschen vor, die Seufzer der Entspannung beim einsinken in heißes Wasser - vllt. Sogar die verhaltenen Kichereien aus den Umkleiden- und zum Schluss das erfrischte Durchatmen wenn man wieder heraus tritt. Viel hat sich für uns seit der Antike geändert - doch gleich geblieben ist das menschliche Bedürfnis nach Erholung. Und Begegnung. Damals wie heute zeichneten Öffentliche Gebäude oft das Herzstück einer Stadt aus. Geblieben ist mir dabei die Frage nach dem Umgang mit diesen Orten: Spielte Zugänglichkeit eine Rolle? Mussten die Bewohner:innen von Kurion Eintritt zahlen, wenn sie baden wollten? Gab es damals vielleicht schon ein Ermäßigungssystem? Wie ähnlich sind sich Gesellschaften durch die Geschichte hinweg? 

In einer Sache ähnelten wir den antiken Einwohner:innen Kurions dann doch: Vom antiken „SPA“ war es nicht sehr weit zum Theater. Wir folgten Nicole zu dem antiken Stufenbau, in dessen Zentrum sich die Bühnenfläche befand. Bzw. Immer noch befindet. Bis heute finden Konzerte und Aufführungen in dem Theater statt. Das ist wenig verwunderlich, denn einzig und allein durch die architektonischen Eigenschaften des Baus spart man sich schon ein teures Souround-Soundsystem. Steht ein*e Bühnendarsteller*in im Mittelpunkt der Bühnenfläche, ist der Vortrag bis in die obersten Reihen zu hören. Selbst wenn nur auf Zimmerlautstärke gesprochen wird. Im Eigenexperiment konnten wir diese Erfahrung nur bestätigen.





Insgesamt hatten wir in Kurion eine tolle Zeit, dennoch möchte ich einen Aspekt nicht unerwähnt lassen:

Trotz all der schönen Vorstellungen davon, wie schön ein Besuch im Kurion der Antike gewesen sein muss, sollte nicht vergessen werden, dass die Bedürfniserfüllung der Römer*innen auf dem Rücken von versklavten Menschen erreicht wurde. Sie waren es, die für den Dampf im Dampfbad sorgten, das Wasser wechselten und menschliche Hinterlassenschaften reinigten. Selbst die feinen, frühchristlichen Mosaike, die im Haus des Eustolios zu sehen sind, wurden leider von Kinderhänden gelegt... Auch das ist also eine Facette menschlichen Handelns, die neben den großen Entdeckungen und Leistungen der Antike steht und ebenso wenig verschwiegen werden sollte.


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