An unserem ersten Tag auf der Mittelmeerinsel hatten wir uns vorgenommen, uns einen ersten Überblick über Land, Leute und Kultur zu verschaffen. Also machten wir uns direkt auf den Weg nach Nikosia, der letzten geteilten Hauptstadt Europas. Gemeinsam mit unserer Reiseleiterin Nicole Pissi starteten wir an der Kirche des Agios Ioannis (St. Johannis). Vergleicht man dieses Kirchengebäude mit anderen Kirchen Europas, wirkte die Kirche überraschend klein. Trotz des bescheidenen Äußeren der Kathedrale nimmt sie für viele Südzyprer einen sehr wichtigen Platz im religiösen Leben ein, da sie die Hauptkirche der griechisch-orthodoxen Kirche in Zypern ist. Folglich residiert der Erzbischof von Zypern hier. Die Architektur kann auch als charakteristisches Zeichen für die bewegte Geschichte Zyperns angesehen werden, in der die Insel im Laufe der Jahrhunderte oft von verschiedenen äußeren Mächten regiert wurde – in diesem Fall war es die osmanische Herrschaft von 1570 bis 1878, die es anderen Gotteshäusern verbot, von außen prächtiger als Moscheen auszusehen. Fast schon als kleine Rebellion ist das Innere der Kirche mit aufwendigen Holzschnitzereien, Wandgemälden und goldgerahmten Ikonographien geschmückt, die von einer reichen Handwerkskultur zeugen. Nicole erzählte uns, dass heutzutage im südlichen Teil Zyperns über 70 % der Bevölkerung griechisch-orthodox sind. Griechisch-orthodoxe Kirchen auf Zypern lassen sich immer an zwei spezifischen Flaggen erkennen: Eine ist gelb mit einem zweiköpfigen Adler darauf. Sie stellt das Byzantinische Reich dar (aus dem die Religion stammt). Bei der anderen Flagge handelt es sich um die griechische Nationalflagge. Eine weitere faszinierende Tatsache, die wir erfuhren, ist, dass Makarios III. der erste Präsident der Republik Zypern gleichzeitig das Amt des Erzbischofs innehatte. Makarios war einer der wichtigsten Akteure der zypriotischen Unabhängigkeitsbewegung in den 1960ern. Die besondere Position, die er durch sein Doppelamt besetzte war für Europa. |
Während der Busfahrt zu unserer nächsten Station erzählte Nicole davon, dass sich die Zyprioten sehr gut verstehen würden – solange es in einem Gespräch nicht um Politik ginge.
Trotzdem führt eben an diesem Thema manchmal kein Weg vorbei – hier kommt das „Home 4 Cooperation“ ins Spiel – ein bikommunales Gemeinschaftszentrum in der Pufferzone, das sich auf Frieden und antirassistische Bildung konzentriert. Um dorthin zu gelangen, mussten wir die „Green Line“, welche Zypern und an dieser Stelle Nikosia teilt, überqueren.
Das Home 4 Cooperation hatte uns zu einer Präsentation eingeladen, um uns eine Einführung in die lokale Friedensarbeit zu geben. Diese besteht hauptsächlich darin, die „griechisch-zypriotischen“ und „türkisch-zypriotischen“ Communities zusammenzubringen. So lädt das Home 4 Cooperation z.B. Schulklassen von beiden Seiten ein, an Bildungskursen wie Sprachunterricht (griechisch/türkisch), Spielen und Kunstprojekten teilzunehmen, damit bereits in jungen Jahren Bindung zwischen den getrennten Gemeinschaften gestärkt werden kann.
Zudem organisiert das Home 4 Cooperation Veranstaltungen wie Kunst- und Musikfestivals für Erwachsene; eines ihrer Projekte schaffte es, über 40 Musiker von der gesamten Insel Zypern in einem Musikkollektiv namens „The Island Seeds“ zusammenzubringen. Ihr Song „The Time is Ripe“ wurde mit dem „Best Project Award for Community Building“ ausgezeichnet:
Nach ihrer Präsentation wurde die Diskussionsrunde eröffnet, sodass wir Gelegenheit hatten, einige unserer Fragen zur Sprache zu bringen: z.B., Wie eine solche Organisation mit politischen Feindseligkeiten zurechtkommt? Und was es ihrer Meinung nach braucht, um Frieden aufzubauen und aufrechtzuerhalten?
Die Antworten, die wir bekamen waren sehr aufschlussreich: Für sie als eine Organisation, die sich in vielen politischen Landschaften zurechtfinden muss, ist sehr wichtig, dem Motto „Choose your battles“ zu folgen – ein sehr pragmatischer Ansatz. Dennoch könnte diese Sichtweise auch für uns als Individuuen anwendbar sein: Es gibt viele Themen, die angegangen werden müssen. Doch unsere Ressourcen als Einzelperson sind oft begrenzt. Deshalb ist es wichtig, herauszufinden, was möglich ist, und sich darauf zu konzentrieren. Die Antwort auf die zweite Frage war ebenfalls sehr interessant: Sie wurde mit dem Wort „Präsenz“ beantwortet. Damit war gemeint, dass einerseits die Arbeit darin besteht, im Moment „präsent“ zu sein, rücksichtsvoll gegenüber anderen zu handeln und aufmerksam für das zu sein, was um einen herum passiert. Andererseits ist die physische Präsenz gemeint– die Sichtbarkeit als eine Organisation, die sich für Frieden einsetzt. Dazu zählt die Lage des Gebäudes in der neutralen Pufferzone, um ihren Standpunkt zur Neutralität physisch einzunehmen und als Zuhause für beide Gemeinschaften da zu sein.
In diesem Zusammenhang ist es ein schöner Zusatz, dass nicht nur an einen Raum für Präsentationen gedacht wurde, sondern auch ein kleines Café daneben betrieben wird. Während man hier in Ruhe ein Getränk genießt, kann man sich in Ruhe hinsetzen und einem der vielen Bücher widmen, die dort zum lesen bereitgestellt werden ( häufig sieht man UN-Soldaten hier sitzen).
Im Anschluss an unseren Aufenthalt im Home 4 Cooperation machten wir uns auf den Weg für eine City Tour durch den nördlichen ("türkischen") Teil von Nikosia. Geführt wurden wir dabei von einem Mitarbeiter des Home 4 Cooperation, entlang der „Green Line“.
Das bedeutete zunächst, dass wir die Pufferzone durchqueren mussten. Für viele in der Gruppe war dies die erste umittelbare Konfrontation mit der gelebten Realität eines Landes, das durch Stacheldraht und Maschendrahtzäune geteilt ist. Es war eine sehr eindringliche Erfahrung. Verlassene Straßen. Leeren Häuser, einzig der Natur zur Rückeroberung überlassen - stets unter den wachsamen Augen der UN-Friedenstruppen. Selbst auf der anderen Seite, im Wohngebiet, war der Stacheldraht ein ständiger Begleiter. Für viele Zyprioten eine stete Erinnerung an die Tragödie, die sich hier vor fünfzig Jahren ereignet hatte. Nicole erklärte uns, das 1974 viele Menschen aus Angst vor dem türkischen Militär sofort ihre Häuser verlassen mussten; viele davon stehen bis heute leer. Die Menschen arrangierten sich schließlich mit den neuen Umständen - denn was bleibt einem auch (zunächst) übrig? Nicole berichtete schließlich, dass viele aus ihrer Generation stolz darauf sind, sich mit den geringsten Mitteln von Grundauf wieder etwas neues aufgebaut zu haben. Dennoch: In diesem Zuge bleibt auch ein Generationenkonflikt nicht aus.
Der Generation, die 1974 miterlebt hat, fällt nicht leicht, darauf zu vertrauen, dass die jüngeren Generationen weiter auf eine Lösung des Konfliktes hinarbeiten. Viele befürchten, dass sich die jüngeren Generationen zu sehr an den Ist-Zustand der zypriotischen Teilung gewöhnen.
Zugleich bietet das Home 4 Cooperation gerade für Jüngere eine Möglichkeit, sich mit Alternativen zur Teilung auseinander zu setzen…
Hier sind noch ein paar Eindrücke aus Nikosia:
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