Der wohl intensivste Tag unserer Reise. Heute überquerten wir die Grenze in den besetzten Teil der Insel. Unser Ziel war die einstige Urlaubsmetropole Famagusta. Im Zuge der militärischen Intervention der Türkei von 1974 flüchteten die Bewohnenden der Stadt und mussten alles hinter sich lassen. Die Erinnerungen daran, wie viele ihre Elternhäuser aufgeben mussten, ist bis heute in vielen Köpfen wach. Nicole und Pantelis (unsere beiden Reiseführer) teilten während der Fahrt Erfahrungen aus dieser Zeit mit uns. So berichtete Pantelis, dass er als Kind mit seinen Eltern fliehen musste. Das Haus seiner Familie stand gerade mal 2 km von Famagusta entfernt; von den Busfenstern aus in der Ferne zu erkennen. Daher ist ihm die Begleitung der Fahrten nach Famagusta immer ein Herzensanliegen. Und spätestens beim Passieren der „Green Line“, der de-facto-Grenze zwischen dem „besetzten Teil“ und dem „nicht besetzten Teil“ wurde uns allen Klar, wie ernst die Sache hier ist. Zwar sind Grenzkontrollen mit dem Vorzeigen des Passes bei internationalen Reisen ganz normal. Dennoch bekam ich ein mulmiges Gefühl, als Pantelis unsere Pässe einsammelte und dem Grenzsoldaten zur Überprüfung gab. Überlicherweise sind Menschen, die Ausweise kontrollieren nämlich nicht mit einem Maschinengewehr bewaffnet. Zumindest nicht in Deutschland. Nicht, soweit ich weiß. Dazu kommt, dass sich bereits während der Busfahrt eine eher beklemmende Stimmung unter uns breit machte. Die vielen verlassenen Dörfer, rostigen Geschütztürme und Erzählungen von Pantelis erledigten ihr Übriges. Es war bis dahin schon nicht leicht, die Tränen zurückzuhalten. Als Nicole schließlich noch ihre Geschichte beitrug, musste ich schließlich doch weinen, weil sie mich so bewegte.
Herr Ulukay verabschiedete sich mit der Bitte von uns, den Konflikt nicht zu vergessen und das, was wir von ihm gehört haben, weiterzutragen. Zugleich wünschte er uns, dass wir uns immer die Hoffnung auf ein besseres miteinander bewahren können.
Sein Mitarbeiter blieb noch für einen regen Austausch. Der Fokus verlagerte sich auf die ganz praktischen Probleme, mit denen die Zypriot:innen seit der Teilung konfrontiert sind. So zeigte er uns zwei Ausweise: den einen aus der „Republik Nordzyperns“, welcher international nicht anerkannt ist, im Gegensatz zum Ausweis der Republik Zyperns. Zwar bekommt jeder Bewohner des nördlichen Teils auch einen Ausweis der Republik Zyperns gestellt. Dieser ist dann widerrum im besetzten Teil nicht anerkannt. Ein unnötig verwirrender und hoher Bürokratieaufwand. Ebenfalls sprach er über seine Zukunftsorgen als Vater: Er teilte Befürchtungen, dass sich die generation seiner Tochter an den Zustand der Teilung als Normalität gewöhnen und dadurch in einen Handlungsunwillen käme. Bemühungen, eine Wiedervereinigung zu erreichen, würden so verebben. Nicht zuletzt geprägt von den gescheiterten Verhandlungen 2017, äußerte er seine Meinung, dass, um eine Wiedervereinigung zu erreichen, beide Seiten pragmatisch an die Sache herangehen sollten. Aus seiner Sicht sei es Hilfreich, die Vergangenheit ruhen zu lassen und zu schauen, wie mensch ein gemeinsames Leben in Zukunft gestalten könnte.
Aber ob das so einfach ist?
Viele unserer Gesprächspartner:innen bezogen sich auch immer wieder auf die friedliche Revolution von 1989, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte. Und obwohl diese eine unglaubliche Leistung war, so lassen sich bis heute dadurch entstandene Verletzungen nicht so einfach beilegen.
Nach dem Gesprächstermin durften wir noch das Dach des Rathauses besuchen. Uns bot sich der Blick auf die verlassenen Stadtviertel Famagustas. Und schon schlich sich die Beklemmung zurück in meinen Verstand. Die ganze Gruppe wurde sehr still. Es war, als trüge der harsche Meereswind trug die Worte, die wir dafür hätten finden können, mit sich fort. Bisher kannte ich verlassene Städte eher von schaurigen Lost-Places-Kalendern oder aus Genre-Filmen, Videospielen. Bei all diesen Abbildungen haben wir als Betrachtende das Glück, dass es immer noch eine Distanz gibt. Das im Bild dargestellte existiert für uns zunächst nur in der Vorstellung, wir können die Augen zu machen, uns abwenden oder den Bildschirm ausschalten. Wir umgeben das Bild, nicht das Bild umgibt uns.
Selbst bei den nüchternen Berichten der BpB zum Thema Zypernkonflikt blieb mir diese theoretische Ferne.
Umso grausamer empfand ich die ganz praktische Erkenntnis, dass all diese Darstellungen in Medien immer einen realen Grund haben - in dem wir uns in jenem Moment befanden. Als wir schließlichen durch die begehbaren Straßen Famagustas liefen, waren wir nun die jenigen, die von der Realität umgeben waren. Es gab kein einfaches Ausschalten, kein Abwenden. Einzig die Augen hätte mensch schließen können - nur um die drückende Stille einer verlassenen Stadt zu hören. Alle Gebäude waren baufällig oder einsturzgefährdet. Bei einigen war bereits ein Teil der Außenfassade weggebrochen, gab den Blick auf verfallene Hotelzimmer und Innenräume frei. Irgendwie war es auch faszinierend, diese querschnittartigen Ausschnitte von den turmhohen Gebäuden zu sehen - doch der Blick auf die frei liegenden Metallstreben glich dem Blick auf offene Rippen. Fensterlose Ladenfronten, abgeblätterte Schilder einstiger Luxusdienstleister hielten einen in der melancholischen Stimmung. Nicht mal der Blick auf das blaue Meer konnte diese Atmosphäre aufbrechen.
Und trotzdem: Der Strand von Famagusta wurde zum Teil wieder freigegeben. Sogar ein bis 2 Hotels nehmen bereits Gäste auf. Unangebracht in Anbetracht der historischen Geschehnisse?Vielleicht. Doch wer kann es den Bewohner:innen der Stadt verübeln? Wirtschaftlich ist die besetzte Zone schwächer aufgestellt als die Republik. Famagusta wieder zu seiner früheren Einnahmequelle als Urlaubsmetropole zurückzuführen ist daher naheliegend - der goldene Strand bietet sich dafür geradezu an. Zugleich sorgt diese Entwicklung Auf der „anderen Seite“ für ebenfalls berechtigten Unmut: Gerade Zypriot:innen, die 1974 gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen, empfinden diese Entwicklung als einen Affront.
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